d
c
e

Beta ...civilisations (Hardcover)

Teil 1
1
49,90 € inkl. MwSt.
Lieferbar
Teilen
HG
Gratis-Lieferung ab 5€
Lieferung ab 1-3 Werktagen in Deutschland
Vorbestellung möglich
Geschenke-Service
 
Inhalt

Von den Urmenschen zur Stunde Null
Nach dem großen Erfolg von "ALPHA ...directions" veröffentlicht Jens Harder mit BETA den zweiten Teil seiner Geschichte der Bilder. BETA beginnt mit der Geschichte der Säugetiere und Urmenschen und endet mit dem Beginn unserer Zeitrechnung. In über 2.000 Bildern erzählt Harder von den Ideen und Vorstellungen – den Bildern, die sich die Menschen von der Natur und Kultur gemacht haben. Wie auch ALPHA erhält dieser Band eine bibliophile Ausstattung und ist ein Schmuckstück für jede Bibliothek.

Details
D: 49,90 € A: 51,30 €
Größe 20,10 x 31,10 cm
Seiten 368
Alter ab 14 Jahren
 
ISBN 978-3-551-78989-1

Pres­se­stim­men

"Beta ... Civilisations" ist ein Sachbuch, doch lässt Jens Harder die Grenzen dieser Gattung weit hinter sich."

SWR - Die Buchkritik

"Langzeitstudie der menschlichen Kultur"

Rolling Stone - Mai 2014

"Erneut entwickelt sein (Jens Harders) assoziativer Motivsturm enormen Sog."

Badische Zeitung -

"Ein bildgewaltiges Wissenschaftscomic."

Kunstzeitung - April 2014 / Nr. 212

"Ein Meilenstein."

Alfonz - Der Comicreporter - April-Juni 2014

Bewertungen & Kommentare
Jetzt selbst bewerten & kommentieren
Interview mit Jens Harder

Klaus Schikowski im Gespräch mit Jens Harder

Klaus Schikowski (*1966) ist Comic-Publizist und veröffentlicht regelmäßig über Comics. Im November 2009 erschien sein erstes Buch: "Die großen Künstler des Comics" im Edel-Verlag.
 
Klaus Schikowski: Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Prix L’Audace auf dem Comicfestival in Angoulême in diesem Jahr, dem Preis für den kühnsten und innovativsten Comic des Jahres. In Frankreich liegt "Alpha" ja seit 2009 vor. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet? Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass ein deutscher Zeichner in Frankreich ausgezeichnet wird.
 
Jens Harder: Vielen Dank für die Blumen. Nein, mit Erfolg rechnen sollte niemand – weder Investmentbanker noch Schmetterlingssammler, und gerade im Comic-Metier darf man schon froh sein, wenn man im Ausland, speziell in einem Comic-Eldorado wie Frankreich, überhaupt wahrgenommen oder gar nominiert wird. Für mich jedenfalls war allein das schon Ehre genug!
Und dann kamen alle drei oder vier Monate die Nachrichten von Actes Sud, dass sie nachdrucken müssen. Da hab´ ich mir doch erst mal etwas ungläubig die Augen gerieben beim E-Mail-Lesen ...
 
Wie waren denn die Reaktionen – vor und nach dem Preis – in Frankreich auf den Band?
 
Klasse! Die Presse war wirklich euphorisch – auf der Actes-Sud-BD-Webseite gibt es dazu eine schöne Zusammenstellung von Zitaten. Nach der Verleihung gab es ´ne Menge Gratulationen, direkt an dem Abend in echt und in den nächsten Tagen über diverse Kommunikationswege. Dazu Berichte in der Tagespresse und auf vielen Comicseiten im Netz. Den rechten Überblick habe ich hier von Berlin aus jedoch nicht, da vertraue ich lieber meinem Verleger, der alles sammelt und mir alle paar Monate in Kopie zukommen lässt. Ach ja, und Einladungen zu Festivals oder um „Alpha“ auszustellen habe ich auch eine ganze Reihe erhalten, was natürlich auch toll ist, so es sich zeitlich unterbringen lässt.
 
Wie würden Sie eigentlich den Inhalt von "Alpha" selbst in Worten zusammenfassen?
 
Die komplette Evolutionsgeschichte, die Entstehung unserer Welt vom Urknall bis zu den ersten Hominiden als gezeichnete Version.
 
Wie kam es zu der Idee so etwas in Comicform umzusetzen?
 
Für mich lag es einfach auf der Hand, Evolution zu zeichnen. Comic ist ein extrem zeitbasiertes Medium und in der Thematik meiner Trilogie "Alpha / Beta / Gamma" geht es ja in erster Linie um Zeit. Um eine Menge Zeit. Um unfassbar viel Zeit. Um die Geschichte unserer Welt und ganz besonders die Entstehung des Lebens – für mich das Faszinierendste, was es gibt.
Astronomie, Geologie, Biologie, Paläontologie usw. – seit ich sieben, acht Jahre alt war, habe ich mich für all das brennend interessiert. Und es natürlich auch gezeichnet, dutzend-, hundertfach. Jahrzehnte später, auf der Suche nach einem passenden Anschlussthema an meine erste internationale Publikation "Leviathan", war die Zeit gekommen, diese aus der Kindheit hinübergeretteten Interessen mit meiner aktuellen Beschäftigung als Comiczeichner zu verbinden. Ich fragte mich natürlich auch, ob es das so nicht schon gibt und recherchierte – fand aber leider nichts, außer ein paar launigen Strips bzw. Kurzgeschichten, die Teile der Evolution im Schnelldurchlauf abspulen. In anderen Medien wie im Film ist schon viel gewagt worden, aber auf Papier? Ich kenne hunderte Bildbände oder Fachbücher, die sich dem Ganzen visuell anzunähern versuchen, aber eben nur mit einzelnen Illustrationen oder Grafiken, bestenfalls kleinen Bildfolgen wie z. B. der Entwicklung eines Schädels oder Blattes. All das nutzte ich natürlich dankbar, aber es waren und sind doch nur winzige Spotlights in dem großen Ablauf.
 
Der Beginn der Welt bis zu den ersten Menschen ist ein Zeitraum von nahezu 14 Milliarden Jahren. Wie geht man bei einer Comic-Umsetzung einer solch unfassbaren Zahl vor, wie strukturiert man zu Beginn, was zu zeichnen ist?
 
Den groben Ablauf hatte ich schon immer im Kopf. Das Buch orientiert sich ja sehr streng an der mehr oder weniger belegbaren Abfolge der Entwicklungsgeschichte, also musste ich nur die großen Marksteine notieren und daran gehen, die Zwischenräume zu füllen. Ich nahm anfangs einfach einen kleinen Zettel, auf dem ich mir, in Milliardenschritten strukturiert, einige Begriffe notierte: Urknall / Entstehung der Sterne und Galaxien / Entwicklung unseres Sonnensystems und der Erde / Entstehung des Lebens usw. Dann begann ich, das Ganze ein wenig weiter auszudifferenzieren – also sagen wir mal in Hundert- und Dutzendmillionenjahreschritten. Und so ging ich schon zum eigentlichen Texten über, mich von Zeitalter zu Zeitalter bis ins Heute vorarbeitend.
 
Wie versucht man überhaupt, das Unfassbare bildlich zu fassen?
 
Bei meiner Recherche sammelte ich Berge von Bildern. Dabei nutzte ich alle mir zur Verfügung stehenden Quellen: Videos, CD-ROMs, Bücher (eigene, die von Freunden und Bekannten sowie Berlins reichhaltigen Bibliotheksbestände), Fotos, Zeitschriften und Magazine, Fundstücke, Museumsexponate etc. Manchmal suchte ich monatelang, um das passende Motiv für einen mir wichtigen Moment der Erdgeschichte zu finden; manchmal wollte ich unbedingt ein besonders starkes Fundstück unterbringen und feilte so lange am konkreten Ablauf der Erzählung, bis ich eine Stelle fand, zu der es perfekt passte. Bisweilen wurde aber auch Kollege Zufall zu Tisch gebeten. So arbeitete ich beispielsweise gerade am Zeitalter des Trias, an dessen Ende das wohl größte Massensterben der Erdgeschichte stattfand und 90 Prozent aller Arten auslöschte. Nun hatte ich zuvor schon diverse solcher Katastrophen visualisiert und war es leid, schon wieder zu Boden sinkende tote Kreaturen oder Fossilien zu zeichnen. Auch die Dienste von Unterweltgöttern verschiedenster Mythologien und Kulturen hatte ich schon einige Male in Anspruch genommen. Da stolperte ich beim Blättern in einer Tageszeitung über einen alten französischen Stich, der eine Pestepidemie im China des 19. Jahrhunderts illustrierte: Ein Sensenmann rast über das brennende Land und jagt in einem irren Wirbel tausende fliehender chinesischer Bauern vor sich her. Nichts konnte in jenem Moment für mich den unglaublichen Exitus besser verdeutlichen als dieses Bild!
 
Welche Funktion kommt in diesem gewaltigen Bilderrausch dem Text zu?
 
Der Text gibt einen Leitfaden, er sagt, wie ich's meine, er treibt die Erzählung voran. Es gab während der Entstehung des Comics schon einige Diskussionen mit Kollegen darüber, warum ich "Alpha" nicht stumm, also ganz frei von Text, halte wie den "Leviathan" zum Beispiel. Aber für mich ist dieses begleitende Ausformulieren all dessen, was da auf den Seiten brodelt und krabbelt, essentiell. Ich mag das (nicht immer hundertprozentig ernste) Jonglieren mit den Fachtermini, das Verdichten komplexer Zusammenhänge auf eine Zeile. Zum anderen stößt die Zeichnung in diesen Bereichen wirklich bisweilen schon an ihre Grenzen. Denn habe ich keine Größen- oder andere Vergleichsmöglichkeiten, was bleibt da ohne den Text als klärender Bestandteil? Ein gezeichnetes Knäuel könnte doch genauso gut eine viele Milliarden Kilometer große Galaxie wie auch ein wenige Mikrometer kleines Häufchen Spermien sein, von physikalischen Daten wie Temperatur und Druck ganz zu schweigen. Vieles ergibt sich zwar aus dem Kontext, aber manches bleibt doch vage. Und ich wollte halt keinen stummen Comic, dafür ist mir die Verzahnung von Text und Bild viel zu wichtig, zumindest in diesem Fall. Beim "Leviathan" hätte Text nur gestört, diese Geschichte sollte ihre Kraft ausschließlich aus den Bildern beziehen.
 
Aber letztlich findet sich in "Alpha" für ein solch monumentales Werk verhältnismäßig wenig Text. Wann ist es nötig Text einzusetzen und wann können die Bilder für sich stehen?
 
Das ist schwer zu beschreiben, das kläre ich eher intuitiv. Sehr abstrakte Phänomene wie der Beginn der Plattentektonik, die rein visuell schwer zu fassen sind, benötigen sicher eine eingängigere Beschreibung. Wenn ich hingegen Tendenzen in der irdischen Fauna & Flora wie das Aufkommen neuer Entwicklungslinien einleite, kann ich auch schon mal ein paar Seiten lang in deren Artenreichtum und der vielfältigen neuer Lebensräume schwelgen, ohne jedes Detail ausgiebig kommentieren zu müssen. Generell habe ich das Mit- oder partiell auch Nebeneinander von Text und Bild sehr variabel gehalten – manchmal prescht das Verbale einige Millionen Jahre vor, manchmal hinkt es auch hinterher oder fasst einen längere Bildstrecke zusammen. Eines war mir jedoch von vornherein klar: Der Beginn mit dem Urknall (mithin die ersten 25 Seiten) hat stumm zu sein, ebenso wie das Ende, das Auftauchen des ersten Frühmenschen (das erst im Abspann ein wenig ausformuliert wird, um dann später in "Beta ... civilisations" zur vollen Entfaltung zu finden).
Beim Bereitstellen des reinen Textes für die Übersetzerin Stephanié Lux habe ich übrigens selbst über dessen Umfang gestutzt. Vorher redete ich immer von ein paar Zeilen pro Zeitalter plus den dahinterstehenden Zusammenfassungen. Aber am Ende waren es komprimiert doch weit über 20 Schreibmaschinenseiten.
Allgemein betrachtet sollte in "Alpha" in erster Linie das Bild wirken und der Text nur begleiten (wie bei einem Film die leise Stimme aus dem Off). Auch in Hinsicht auf das Layout und auf die Seitenarchitektur sollte er sich sehr zurückhalten, damit die Blätter ihre volle Wirkung entfalten können, ohne von zu vielen Textfahnen zerstückelt zu werden. Und der Font Isonorm soll die wissenschaftlich nüchterne, bisweilen fast lakonische Art der Erzählung betonen.
 
"Alpha" enthält Unmengen an wissenschaftlichen Theorien, Ideen und Konzepten zur Entstehung der Welt. Von der Philosophie über die Geologie bis zur Astronomie finden sich viele Wissenschaftsdisziplinen wieder. Wie es Frau Dr. Erika Fuchs so schön ausgedrückt hat: Käst einem da nicht das Hirn, wenn man so viel unterbringen möchte?
 
Ja und nein. Einerseits musste ich ja nicht gleich ein Fachmann der Mineralogie werden, nur um kurz die Entstehung der Gesteine im Allgemeinen oder einiger Erzlagerstätten im Speziellen anzureißen. Andererseits wurde ich eher ungehalten ob der Tatsache, wie unendlich viel ich ausklammern musste, um das Buch überhaupt in einigermaßen vernünftigen Relationen und Dimensionen fertig zu stellen. Ich habe neben meiner eigentlichen Arbeit aber zur eigenen Beruhigung wenigstens eine lange Liste der Dinge, Bilder oder Momente festgehalten, die ich sehr gern noch einbauen würde (vielleicht eines fernen Tages für eine "extended version" des Buchs).
 
Und wie muss man sich dann den Prozess bei der Entstehung einer Seite vorstellen? Von den ersten Scribbles bis zur fertigen Illustration mit Text.
 
Zuerst schrieb ich den Text, um die mir wichtigen Sachverhalte zu fixieren und mir einen roten Faden durch diese Unmenge an Zeiten und Ereignissen zu geben. Dann skizzierte ich mit dieser Grobstruktur im Hinterkopf das Storyboard runter: Je vier Doppelseiten auf einem A4-Blatt, mit Bleistift sehr schnell und rudimentär, meist vis á vis vor meinen dutzenden aufgeschlagenen Bildbänden und Fachbüchern sowie ausgebreiteten Ausrissen, Fotos, Kopien etc., die ich dann nach klaren Vorgaben, bisweilen auch kreuz und quer kombinierend, in eine zu meiner Intention, zu meinen Texten passende Abfolge brachte. Von diesen winzigen Vorlagen aus ging ich direkt über zur Originalzeichnung in A3. Erst kam die Vorzeichnung mit Bleistift, dann die Reinzeichnung mit schwarzen Farbstiften und getuschten Schwarzflächen. Hatte ich ein paar Seiten fertig (meist zwei bis drei pro Woche), trug ich sie zum Copyshop meines Vertrauens und kopierte alles runter auf A4 (zum einen um die Zeichnungen für meinen A4-Scanner handhabbar zu machen, zum anderen um mit speziellen Einstellungen noch härtere Kontraste zu erhalten). Nach dem Scannen wurden kleinere Bildfehler mit Photoshop retuschiert (so Schusseleien beim Zeichnen wie auch Fusseleien von den Oberflächen von Kopierer und Scanner). Im Buch negativ abgebildete Panels zeichnete ich übrigens meist positiv und invertierte sie erst am Computer.
Auf der Kopie befestigte ich nun ein neues Blatt, auf dem ich am Lichttisch mit Pinsel oder Feinliner in Schwarzflächen definierte oder Binnenzeichnungen wie Strukturen oder Licht und Schatten hinzufügte. Auch dieses Blatt wurde am Ende digitalisiert und im Rechner transparent als zweite Farbebene über die Zeichnung gelegt. Nun zupfte ich beide Schichten zurecht, damit sie mit Zehntelmillimetergenauigkeit übereinander passen und speicherte das Ganze ab. Im Buchlayout wurden dann die computergesetzten Texte eingefügt sowie Seitenzahlen und weitere Gestaltungselemente ergänzt. Bis zu diesem Punkt war das gesamte Buch nur zweifarbig – Schwarz plus Sonderfarbe (aus Optimierungsgründen Cyan). Erst in der Druckerei wurde jeder Bogen mit einer anderen zweiten Farbe aus einem von mir vorher definierten siebenteiligen Regenbogen gedruckt, so dass ganz am Ende der vorliegende mehrfarbige Eindruck möglich wurde.
 
Es geschieht also alles in Handarbeit?
 
"Handmade" ist doch eh fast alles. Selbst wenn ich, wie bei anderen Projekten, die Colorierung mit dem Wacom-Tablett ausführe, wird dies doch von Hand gefertigt. Aber sollte ich eine Gewichtung zwischen papierbasiertem und digitalem Anteil angeben, würde ich sagen: Neunzig Prozent Papier und zehn Prozent Digital.
 
Viele Bilder wirken wie eine assoziierte Kette von Bildern zur Entstehung der Welt. Zudem finden sich ja auch Comic-Zitate. Damit entzieht sich "Alpha" einer reinen Dokumentation und Chronologie der Ereignisse, entfaltet aber anderseits auf der Bilderseite eine ungeheure Kraft. Wie kam es zu den Bildfindungen?
 
Ich bemühte mich, eine erkleckliche Anzahl Querverweise und Zitate aus dem menschengemachten Bildarchiv der letzten 20.000 Jahre zusammenzutragen, aber ich empfinde das höchstens als Minimalangebot.
Und zur Chronologie möchte ich sagen: Zu jedem Zeitpunkt nur den Istzustand abzubilden wäre a) sehr ermüdend und b) auch nicht sinnvoll. In meinem Sinne ist es viel chrono-"logischer", Stränge weiterzuverfolgen, also zu zeigen, was eines fernen Tages aus einem anfangs recht zaghaften oder noch unsichtbaren Ansatz wird. Deshalb war es für mich so wichtig, immer wieder "vorzuspulen", also die Zukunft innerhalb der Vergangenheit zu zeigen (wie die Entwicklung von Primaten und schlussendlich Menschen aus Ursäugern im Trias auf S. 243 und später noch mal am Beginn des Säugetierzeitalters auf S. 309). Das ist es, was mein Untertitel "... directions" auszudrücken versucht – Entwicklungen verlaufen zwar nicht linear, aber auch nicht zufällig, sondern folgen verschiedenen Richtungen und Gesetzmäßigkeiten (denen der Zufall manchmal ein Bein stellt oder auch auf die Sprünge hilft). Mit dem "intelligent design"-Blödsinn der Kreationisten hat das natürlich nichts zu tun; aber es ist halt schon eine Art Automatismus, dass gleiche Lebensräume immer wieder von ähnlichen Bauplänen bespielt werden, was zusammenzuführen mir zum Beispiel bei der Aufzählung behäbiger Pflanzenfresserkolosse auf S. 249 ein Bedürfnis war.
 
Menschen, die es gewohnt sind, eine lineare Geschichte in einem Comic zu lesen, werden überrascht sein, denn in "Alpha" geht es mehr um Kausalität denn um Linearität.
 
Klar ist das Ganze keine daumenkinoartig gemorphte Abfolge geworden – so sehr ich auch an einer solchen Herangehensweise Gefallen gefunden hätte. Aber das können 3D-Animatoren wirklich besser bewerkstelligen, wie bei der Holografie-Installation "Dynamik des Lebens" im Naturkundemuseum Karlsruhe spektakulär zu bestaunen war (kombiniert mit großformatigen "Alpha"-Prints sowie einigen Originalzeichnungen). Nein, ich liebe das Zusammenspiel von Bildmetaphern und -analogien, das assoziative Verschalten von teils Zwangsläufigem, teils Gegensätzlichem, gern auch mal unterbrochen von einer Irritation, weil eben auch das zum Leben oder seiner Entstehung dazugehört.
 
Wie lange hat es von der ersten Idee bis zum fertigen Buch gedauert?
 
Mit Unterbrechungen hat die Produktion vier Jahre in Anspruch genommen. Auf dem Comic-Festival in Angoulême im Januar 2004 erläuterte ich meinem französischen Verleger Thierry Groensteen kurz die Idee zu dieser Trilogie, und er gab mir sofort grünes Licht. Im November 2008 ging die französische Ausgabe des Buches dann in Druck. Dazwischen gab es jedoch noch mehrere andere Projekte – die Comicreportage-Anthologie "Cargo", diverse Illustrationsjobs, mehrere Ausstellungen & Kataloge und, für mich ganz besonders wichtig, die Geburt meiner Tochter Charlotte.
 
In "Cargo", das einen Besuch in Israel beschreibt, arbeiteten Sie mit der Spielart der "Comic-Reportage", und in "Leviathan" finden sich Stilmittel wieder, die Sie auch in "Alpha" benutzen. Alle drei Werke entfernen sich vom "klassischen Comic". Wie würden Sie Ihre Sichtweise Ihren Zugang zum Comic bzw. Ihre Sichtweise auf den Comic beschreiben? Gibt es Vorbilder für Ihre Art am Comic zu arbeiten?
 
Ich komme halt nicht vom "klassischen Comic". Den habe ich weder als Kind konsumiert noch mache ich das heute. Oft interessiert mich das Herkömmliche auch nicht sonderlich (wie auch in Malerei, Musik oder Architektur). Und der Zugang zu Comics war auch ziemlich schwierig für mich: Weder Superhelden noch "Tim und Struppi" fanden den Weg in mein Kinderzimmer. Neben ein paar zerfledderten "Asterix"- und "Donald"-Heften von Klassenkameraden kamen mir nur DDR-Eigenproduktionen wie das "Mosaik" oder verschiedene Zeitungsstrips (etwa "NBI", "Atze", "Frösi") mit einiger Regelmäßigkeit unter die Finger. Ich wuchs wie viele meiner ostdeutschen Kollegen mit illustrierten Büchern auf: "Struwwelpeter", "Till Eulenspiegel", "Der Zauberer von Oz", "Die Schatzinsel", "Tom Sawyer" – der ganze Schwung. Dazu kam bei mir als Einfluss viel utopische Literatur (auch meist aus dem Ostblock), wissenschaftliche Bücher über alle Zeiten und Themen sowie immer wieder verschiedenste Lexika und Atlanten, die bis heute eine magische Anziehungskraft auf mich ausüben.
Vorbilder aus dem Comicbereich gibt es sicherlich auch, aber nur sehr marginal. Als ich Ende der Neunziger begann, Comics zu zeichnen, versuchte ich so zu arbeiten wie einige zu der Zeit sehr populäre Amerikaner, so Burns, Clowes oder Mazzuchelli. Heute begeistern mich – teils eher vom Zeichnerischen, teils eher vom Erzählerischen her Leute wie Baru, Coché, Debeurme, Gipi, Igort, Katchor, Mattotti, Peeters, Sfar, Taniguchi, Vives, Ware, Woodring.
Eine Arbeit, die mich wirklich umgehauen hat und die Sichtweise auf die Möglichkeiten des Comic gerade in Bezug auf Zeit und den Umgang mit selbiger extrem erweiterte, war die Kurzgeschichte "Here" von McGuire. Und ganz aktuell beeindruckt mich sehr Musturis "Unterwegs mit Samuel".
 
"Alpha" ist Teil eines Mammutprojektes, denn geplant ist auch "Beta", die Geschichte der Menschheit, und "Gamma", der Blick in die Zukunft. Was erwartet den Leser in den Folgebänden und vor allem: Wie viel Zeit haben Sie dafür eingeplant?
 
In "Beta" werde ich die gesamte Menschheitsgeschichte zeigen, zumindest einige uns bekannte Momente – also die Entwicklung der ersten Urmenschen aus rattenähnlichen Baumbewohnern, dann die Steinzeit, erste Stadtstaaten, das alte Ägypten, das alte Rom, das alte China, das Inkareich, das Wikingerreich … bis heute ins digitale Zeitalter. Wobei mein Verleger mir nahelegte, diesen Teil noch einmal zu teilen, da er mit geschätzten 700 Seiten recht voluminös werden wird, und mit veranschlagten acht Jahren Arbeit auch zu lange auf sich warten lässt. Also gibt es "Beta 1" von circa -4,0 Millionen Jahre bis zum Jahre 0 unserer Zeitrechnung und "Beta 2" von 0 bis 2016, dem voraussichtliches Fertigstellungsjahr. Danach werde ich wohl erst mal ein bisschen pausieren und die eine oder andere kürzere Geschichten zeichnen. "Gamma" als Abschlussband wird in die Zukunft schauen, obwohl ich mir wie bisher auch in dem Fall nichts ausdenken werde. Ohne mir jetzt allzu sehr darüber den Kopf zu zerbrechen, denn da kann ich noch viele Jahre lang Ideen für sammeln, wird es am ehesten den Begriff "Paläofuture" verdienen, also die Zukunft der Vergangenheit zeigen, oder aber zumindest eine Zukunft, wie sie durch andere prognostiziert wurde und weiterhin wird ...
 
In Erlangen wird es ja auch eine Ausstellung zum Band geben. Wie konzipieren Sie Ausstellungen rund um "Alpha", als reine Ausstellung  oder als lehrreicher Rundgang durch die Evolution?
 
An einem lehrreichen Rundgang ist mir eigentlich wenig gelegen, aber ich achte zumindest stets auf eine stimmige zeitliche Abfolge (wie überhaupt immer bei Ausstellungen meiner Arbeiten). Für wissenschaftlich ausgerichtete Ausstellungsorte wie die "Cité des Sciences" in Paris oder das Naturkundemuseum Karlsruhe wurden schöne Kombinationen mit passenden Fundstücken und Fossilien sowie aufgeschlagenen, alten Wälzern in Vitrinen umgesetzt. Aber dieses ergänzende Material kam immer von den entsprechenden Institutionen bzw. war eh in den die Ausstellung umgebenen Räumlichkeiten in Hülle und Fülle zu bestaunen.
Für Erlangen wird es eher ersteres, eine Comic- und Illustrationsschau: Paul Derouet und ich haben vor kurzem in meinem Atelier Zeichnungen und Drucke ausgewählt, die eine Bandbreite aus natur- oder evolutionsbezogenen Arbeiten abbilden, also neben "Alpha" Auszüge aus "Leviathan" und freien Illustrationsarbeiten; eventuell – falls es die räumliche Situation zulässt, in einem abgeteilten Bereich auch ergänzend ein paar Beispiele aus meiner Jerusalem-Reportage.
 
Wie nennt der Künstler sein Werk? Ist es eine Enzyklopädie, ein Wissenschaftscomic, ein Sachcomic oder etwas völlig anderes?
 
Zumindest ist es keine Graphic Novel! Ach, um solche Labels schert sich doch kein Zeichner. Für den Verlag mag es wichtig sein. Und um eine (positive) Öffentlichkeit herzustellen oder übervorsichtige Buchhändler zu überzeugen, sicher noch viel mehr. Also am ehesten ist "Alpha" vielleicht ein "Wissenschaftscomic". [...]
 
Herr Harder, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit der deutschen Ausgabe von "Alpha" und der Ausstellung auf dem Comic-Salon Erlangen.

 

Pressestimmen zu Jens Harders "Alpha ...directions"

 

Das Erscheinen von Jens Harders Wissenschaftscomic "Alpha ... directions" und die Auszeichnung des Bandes mit dem Max und Moritz-Preis als "Bester deutscher Comic" brachten eine rege Medienresonanz hervor. Eine Auswahl der Beiträge findet sich hier:

Pressestimme auf www.dradio.de
Pressestimme auf www.welt.de
Pressestimme auf www.dw-world.de
Pressestimme auf www.spiegel.de
Pressestimme auf fr-online.de
Pressestimme auf www.berlinonline.de
Pressestimme auf www.tagesspiegel.de

 

Nach oben